Corona und das Klima: Zwei Krisen, Fünf Einsichten

Virus-pandemie, globale Erwärmung, Artensterben. Wir befinden uns inmitten mehrerlei globaler Krisen. Alle kosten Leben. Alle fordern schnelle Antworten. Was folgt ist ein Versuch, aus ihrem Vergleich zu lernen. Eines jedoch vorweg: Krisenopfer entziehen sich jeglichen Vergleichs.

1. Wenn wir wollen, dann können wir.

Unternehmen schalten auf Homeoffice um. Autokonzerne stoppen ihre Produktion. Fabriken schließen. Der Flugverkehr wird eingeschränkt. Länder rufen den Katastrophenfall aus. Selbst Trump deklariert den State of Emergency. Die ganze Welt steht auf der Notbremse. Es scheint, als ob vieles, wofür Klimaaktivisten, Umweltverbände und Nachhaltigkeitsforscher schon seit Jahrzehnten kämpfen plötzlich innerhalb von Tagen wenn nicht Stunden möglich wird. Wenn wir wollen, dann können wir eingreifen, und zwar radikal, um die Corona-Kurve abzuflachen. Alles andere als flach hingegen bleibt unsere globale CO2 Emissionskurve. Seit 1990s sind CO2 Emissionen um etwa 60% gestiegen. Trotz Pariser Klimaabkommens setzt sich dieser Trend fort. Im Gegensatz dazu ist unsere kollektive Antwort auf Corona wesentlich entschlossener. Daher drängt sich die Frage auf:  Wollen wir den Klimawandel wirklich angehen, oder tun wir bisher nur so? 

2. Wir nehmen die Klimakrise noch nicht wirklich ernst.

Schon jetzt sterben Millionen Menschen und Tiere an Extremwetterereignissen, Waldbränden, Dürren, Missernten und anderen Folgen von Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ressourcenausnutzung. Die WHO schätzt, dass allein Luftverschmutzung jährlich 7 Millionen Menschen das Leben kostet. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt, sind noch nie so viele Tier- und Pflanzenarten ausgestorben wie jetzt – für immer. Als Gegenmaßnahme strengere Regeln zu beschließen wird meist als unzumutbare Eingriffe in die Freiheit des Individuums und der Marktwirtschaft abgetan. Als Maßnahme gegen Corona hingegen werden Regeln und Freiheitseinschränkungen locker durchgewunken. Es scheint beinahe als wett-eiferten Nationen derzeit darum, wer die strengsten, scheinbar konsequentesten Krisenstäbe führt. Das funktioniert, weil Corona als Krise ernst genommen wird. Umweltprobleme dagegen werden zwar gerne als Krisen benannt, jedoch nicht als solche behandelt – und das obwohl Wissenschaftler den Klimawandel langfristig als weitaus gefährlicher einstufen als Corona.

3. Postwachstum ist die effektivste Klimapolitik. 

Corona schafft temporär was jahrzehntelange Klimaverhandlungen zu wünschen übrig lassen. CO2 Ausstöße in China haben sich um ein Viertel verringert. Warum? Weil die Industrie herunterfährt. Weil Menschen zuhause bleiben, anstatt zu reisen oder konsumieren. Eigentlich wissen wir längst, dass grünes Wachstum, bei dem das Wirtschaftswachstum angeblich von seinen negativen Umwelteinflüssen abgekoppelt wird, nicht funktioniert. Sowohl Europäisches Umweltbüro und -agentur, als auch der Weltbiodiversitätsrat IPBES sind sich da einig. In Politik und öffentlicher Debatte ist diese entscheidende Einsicht leider noch nicht angekommen. Weiterhin gilt: Volles Wachstum voraus! Jetzt schon stehen Wirtschaftsverbände in den Startlöchern, um Corona-Subventionen einzufordern, damit es ja nicht zur Rezession kommt. Im Kontext der Klimakrise aber ist Wachstum anfeuern so, als ob man wilde Corona-Parties schmeißt und den Gästen gleichzeitig Vitaminpillen verabreicht. Letztere könnten die Virusverbreitung zwar entschleunigen. Insgesamt führt die Strategie aber zur Katastrophe. 

4. Globale Risiken erfordern kollektive Antworten. 

Corona zeigt, dass individuelle Maßnahmen globalen Umwelt- und Gesundheitsrisiken wenig entgegensetzen können. Es hilft zwar, wenn sich Individuen die Hände waschen. So allein lässt sich aber keine Pandemie abwenden – nicht wenn alle weiterhin zur Schule oder Arbeit müssen. Globale Risiken erfordern kollektives, koordiniertes Handeln. Um das in die Wege zu leiten müssen unsere gemeinsamen Institutionen – Vereine, Unternehmen und natürlich der Staat – zuallererst agieren, um sicherzustellen, dass alle mitziehen. Das gilt für Corona wie auch fürs Klima. Was bringt es, wenn die, die es sich leisten können, Elektroautos fahren, während die anderen auf ihre Benziner angewiesen bleiben? Was bringt es, wenn die, die grün gesinnt sind, nachhaltig leben, während die anderen unser kollektiv-verbleibendes CO2-Budget rasant verheizen? Leider sind wir es nicht gewohnt, unser Handeln auf Gemeinwohl auszurichten. Unser Wirtschaftssystem verlangt, dass wir uns als Konkurrenten oder Konsumenten verstehen – als homo economicus. Was Corona uns jetzt veranschaulicht ist, dass individuelle Nutzenmaximierer in Krisenzeiten bestenfalls der Klopapier-Industrie zugutekommen.

5. Unsere Verwundbarkeit wächst und ist ungleich verteilt. Ein BGE würde Abhilfe schaffen.

Seit Corona ist uns bewusster, wie verwundbar wir auch in unserem reichen und verwöhnten Zipfel der Welt sind. Extremereignisse wie Corona vermehren sich im Zuge globaler Erwärmung. Das birgt Risiken für Gesundheit, Nahrungsmittelsicherheit, Wetter und vieles mehr. Christiana Figueres, ehemalige Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), warnt zum Beispiel, dass wir vermehrte Krankheitsausbrüche erwarten müssen. Das gilt besonders, wenn wir Klimaziele weiter in die Zukunft verschieben. Ebenso lernen wir, dass Extremereignisse nicht alle gleich treffen. Corona trifft ältere Mitbürger schlimmer als jüngere. Quarantänemaßnahmen treffen den Mittelstand und Selbständige anders als Großunternehmen und Angestellte. Einkommenseinbußen treffen Eigentümer anders als Mieter. Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) könnte letztere Probleme mildern. Darüber hinaus hilft es dabei, grüne Wachstumsmythen hinter uns zu lassen und endlich eine effektive postwachstums-orientierte Klimapolitik in die Wege zu leiten. In Zeiten globaler Risiken brauchen wir eine Politik, die es versteht, Vermeidbares wirksam abzuwenden und Unvermeidbares gerecht zu verteilen.

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